Zum Gedenken an die Opfer der Russlandverschleppung im Januar 1945


 Eines der dunkelsten Kapitel unserer Ortsgeschichte ist die Verschleppung der arbeitsfähigen,deutschen Bewohner     zum Wiederaufbau in die Sowjetunion.

 

 Wie in unserem Heimatbuch, von Anton Karl und Dr. Anton Peter Petri beschrieben, spielte sich diese Tragödie in unserem     Heimatdorf Sanktmartin folgendermaßen ab.

 

„Die Deportationen erfolgten nach einem von den rumänischen Behörden sorgfältig vorbereiteten Plan. Auf Grund der im Herbst  1944 durchgeführten Registrierung wurden Listen der Deutschen zusammengestellt, die in die zur Verschleppung vorgesehenen Altersklassen fielen: Männer von 17 bis 45, Mädchen und Frauen von 18 bis 30 Jahren. Übergriffe nach oben oder nach unten waren möglich und sind nicht selten vorgekommen. Kurz vor Beginn der schlagartig einsetzenden Aktion waren alle Ortsausgänge vielfach durch Polizei, Militär und rumänische Freiwillige abgesperrt, Telefon, Telegraf und Eisenbahnverkehr unterbrochen, so dass es auch für jene, die etwas von der bevorstehenden Deportation ahnten oder wussten, nur wenige Fluchtmöglichkeiten gab.

 

In Sankt-Martin scheint die sonst sorgsam geplante Durchführung mit einer Panne begonnen zu haben, da die über 16 Jahre alten sich schon am 6. Januar 1945 in der neuen Schule einfinden mussten (der Grund ist vielleicht darin zu suchen, dass im benachbarten Elek in Ungarn die Aushebungen schon am 2. Januar begannen). Sie wurden alle bald wieder nach Hause entlassen. Als dann am 14. d. M. die bestimmten Altersgruppen eingefangen wurden, hatten sich viele im Haus, Hof oder auf der Gemarkung versteckt. Sie stellten sich zumeist doch der Kommission, da sonst ihre Väter oder Mütter verschleppt worden wären. Von den Eltern mit Kleidung, Verpflegung und Bettzubehör versorgt, verbrachten sie zwei Tage in der Sankt-Martiner alten Schule. Dann wurden sie in das Matschaer Kastell getrieben, auch dahin brachten die Angehörigen Essen und Winterkleidung.

 

Noch glaubten die wenigsten an eine richtige Verschleppung, viele sprachen von einem vorübergehenden Arbeitseinsatz in anderen Teilen Rumäniens. Am 17. Januar wurde es dann bitterer Ernst. Unter strenger Bewachung wurden die Gefangenen  auf Fuhrwerken zum Kurtitscher Bahnhof gebracht. Bis dorthin wurde der traurige Zug von Kindern, Müttern und Vätern begleitet. So viele Kinder-und Müttertränen hat dieses Stück Straße vom Matschaer Kastell bis zum Kurtitscher Bahnhof wohl niemals zuvor und nachher aufgenommen wie am 17. und am 18. Januar 1945.“

 


Gefangen und bewacht in einem Schulraum vor dem Abtransport
Gefangen und bewacht in einem Schulraum vor dem Abtransport

Und plötzlich gibt es wieder eine politische Macht, die dir dein Kind, Haus, Hof, Würde und Selbstbestimmung nehmen kann - der Anfang vom Ende unserer Geschichte begann.

In einem Gespräch mit Frau Barbara Kastner, einer der nur noch wenigen lebenden Betroffenen dieses Verbrechens aus Sanktmartin, erfahre ich wie diese Zeitzeugin die Januartage vor 74 Jahren erlebt hat.           

 

"Schlimm! Es herrschte Panik im Dorf, denn jeder spürte, dass etwas passieren wird, doch was genau, das wusste niemand. Nach der ersten Aktion am 6. Januar waren wir gewarnt, und ich versteckte mich in einer Vorratsgrube für Lebensmittel bei Nachbarn.

 

Zusammen mit weiteren Frauen aus der Nachbarschaft kauerten wir dort unten bis wir uns letztendlich doch stellten, da sie ansonsten unsere Eltern mitgenommen hätten. Im Schulgebäude wurden wir dann auf unterschiedliche Räume aufgeteilt und von bewaffneten Soldaten bewacht.

 

Doch wie genau das alles ablief? Es ist schon so lange her!

 

Eltern und Geschwister durften uns noch mit Essen und Winterkleidung versorgen, bevor wir mit Fuhrwerken nach Matscha ins Kastell, und von dort zum Kurtitscher Bahnhof zur Einwaggonierung gebracht wurden. Fast 2 Wochen waren wir in den Viehwaggons unterwegs, ohne zu wissen wohin die Reise geht. Als wir dann bei Iași in russische Breitspurwaggons umsteigen mussten, wurde unsere Befürchtung zur Gewissheit.  Am 2. Februar kamen wir in Kriwoirog, der heutigen Ukraine an, wo einige Waggons abgehängt wurden. Endstation für mich und weiteren 300 Frauen war zwei Tage später in Smakova. Hier im Arbeitslager verbrachte ich 3 ½ Jahre meines Lebens.

 

Gearbeitet haben wir in den Kohlengruben, im Steinbruch und am Bau. Schlimmer als die Arbeit war der Hunger. Wir waren so abgemagert, dass uns die Knochen beim Sitzen schmerzten. Gegessen wurde einfach alles was wir finden konnten: Gräser, Blätter, Laub…einfach alles. Bohnen, die eigentlich keine Bohnen, sondern Rizinussamen waren, wurden einigen Frauen einer anderen Brigade fast zum Verhängnis. So geschwächt wie wir alle waren, hätten die giftigen Samen tödlich wirken können.

Das Martyrium endete für mich, und weiteren Sanktmartiner, im Juni 1948 als wir wieder in der Heimat waren.

 

Auch wenn ich manchmal verzweifelt war und dachte, jetzt geht es nicht mehr weiter, lies mich die Hoffnung auf ein Ende der Gefangenschaft und ein Wiedersehen mit meiner Familie in der Heimat durchhalten.

Heute bin ich dankbar, dass ich diese schwere Zeit überstanden habe und in meinem Leben noch so viel erleben durfte."

 

Die 2018 in unserer Heimatkirche errichtete Gedenkstätte erinnert an die Opfer dieser Deportation. In Russland verblieben 74 Frauen und Männer aus Sanktmartin, die nicht überlebt haben.

 

Dieses Trauma war sicher einer der Auslöser, unser Heimatdorf, in dem sich unsere Ahnen über zwei Jahrhunderte lang sicher und geborgen fühlten, zu verlassen und in die Urheimat, nach Deutschland zurückzukehren.

 

                                                                                                                                                                                      Michael Messer